
„Wir müssen weg vom Lehrer, hin zum Lerncoach!“
Dieser Satz fällt heute in fast jeder Diskussion über moderne Bildung. Doch warum eigentlich? Und greift diese Forderung vielleicht sogar zu kurz?
Ein Blick in unsere Berufsschulen zeigt: Die Landschaft hat sich verändert. Mit der zunehmenden Handlungs- und Kompetenzorientierung wandelt sich zwangsläufig auch unser Berufsbild. Die Zeiten, in denen wir vorn standen und Wissen «eintrichterten», sind vorbei. Die Aufträge für unsere Lernenden sind heute vielfältig, bereichsübergreifend und komplex. Sie sollen reichhaltig gestaltet sein und – das ist der Knackpunkt – oft selbstorganisiert bearbeitet werden.
Die Herausforderung der Heterogenität
Hier stehen wir als Lehrpersonen vor einer gewaltigen Aufgabe: Wie unterstützen wir die Lernenden aktiv bei der Umsetzung dieser freien Aufträge? Die Realität im Klassenzimmer ist geprägt von einer extremen Heterogenität. Wir treffen auf junge Menschen mit völlig unterschiedlichen Lernbiografien. Der eine arbeitet bereits hochgradig selbstständig, die andere benötigt noch viel Struktur.
Hinzu kommt der Faktor „Generation Z“. Diese Generation fordert zu Recht Mitsprache und Partizipation ein. Sie wollen nicht nur Befehlsempfänger sein, sondern den Lernprozess mitgestalten. Wie können wir all diesen Ansprüchen gerecht werden?
Die Falle des „Nur-Coaches“
Viele sehen die Lösung darin, dass die Lehrperson in Zukunft ausschliesslich „coachenden Unterricht“ macht. Doch wer glaubt, mit der blossen Umbenennung zum „Coach“ sei es getan, macht es sich zu einfach.
Ein reiner Coach hält sich inhaltlich oft komplett raus und begleitet nur den Prozess („Ich begleite dich, damit du dein Ziel erreichst“). Das ist wertvoll, aber in der schulischen Ausbildung nicht immer das richtige Mittel. Manchmal brauchen Lernende mehr als nur Prozessbegleitung.
Die Lösung: Situative Flexibilität
Vielmehr sehe ich die Rolle der modernen Lehrperson darin, situationsgerecht zu agieren. Wie die Grafik zur „Coaching Haltung“ wunderbar illustriert, bewegen wir uns auf einem Spielfeld zwischen zwei Achsen:
- Verantwortung für Wachstum (Persönlichkeitsentwicklung, langfristige Ziele)
- Verantwortung für Ergebnisse (Fachwissen, konkrete Lösungen, Noten)
Je nach Situation, Lernenden und Auftrag müssen wir unsere Rolle wechseln – oft mehrmals in einer Lektion:
- Der Expertin: Wenn ein Schüler fachlich feststeckt und Grundlagen fehlen, hilft kein „Was denkst du denn?“. Dann muss ich sagen: „Ich zeige dir, was zu tun ist.“
- Der Visionär: Wenn die Motivation fehlt, muss ich das grosse Ganze aufzeigen: „Das ist die leuchtende Zukunft, die du erreichen kannst.“
- Der Trainer: Geht es um das Einschleifen von Fertigkeiten, bin ich der Trainer: „Das hast du gut gemacht, beim nächsten Mal wird es noch besser.“
- Der Beobachter: Manchmal ist die beste Hilfe, sich zurückzunehmen, zu beobachten und später Spiegelung zu geben.
Die Situation bestimmt meine Haltung
Die Kunst des modernen Lehrens besteht nicht darin, eine neue Rolle (den Coach) stur einzunehmen, sondern darin, das Repertoire aller Rollen zu beherrschen. Wir müssen lernen, das Klassenzimmer und die Bedürfnisse der Lernenden zu „lesen“ und flexibel zu reagieren.
Wir sind mal Mentor, mal Moderator, mal Berater und ja, auch mal ganz klassisch Lehrer. Genau diese Vielseitigkeit macht unseren Beruf heute anspruchsvoller, aber auch spannender denn je.
Ich wünsche allen Lehrpersonen da draussen viel Spass beim Ausprobieren.
Dieser Blogartikel gibt einen Einblick in meinen Kurs «Vom Dozieren zum Coachen» welchen ich im Auftrag der PH Bern durchführen kann.

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